Vivid Journal
Der Markenkern
Bevor ein Moodboard entsteht, muss klar sein, wofür deine Brand wirklich steht.
Bevor ich für eine Food- oder Beverage-Brand auch nur ein Moodboard aufmache, stelle ich eine Frage, die fast nie sofort beantwortet werden kann: Wofür steht ihr, und warum sollte das jemandem wichtig sein? Die Antwort ist der Markenkern, und er ist kein Framework, das du einmal ausfüllst und dann vergisst. Er ist das strategische und emotionale Zentrum deines Unternehmens.
Vier Dinge bauen dieses Fundament: dein Why, der Antrieb hinter allem. Deine Vision, die zeigt, wo du wirklich hinwillst. Deine Werte, die beschreiben, woran du glaubst, nicht woran du glauben möchtest. Deine Markenpersönlichkeit, die bestimmt, wie du wirkst, nicht wie du wirken willst.
Erst wenn diese vier Dinge klar sind, fange ich an zu gestalten. Das ist keine persönliche Vorliebe, das ist meine Arbeitsweise seit zehn Jahren, und der Grund, warum vor jedem Projekt ein tiefer Strategieprozess steht, bevor auch nur eine Farbe fällt.
Dein Why ist nicht dein Claim
Dein Why ist nicht dein Claim. „Wir machen die beste Limonade der Stadt“ ist kein Why, das ist ein Werbesatz. Das Why ist der Antrieb jenseits vom Umsatz, die Geschichte hinter der Gründung. Das Problem, das dich nachts beschäftigt hat, bevor du überhaupt angefangen hast zu brauen, zu rösten oder zu destillieren.
Ich habe Getränkemarken erlebt, deren Why so simpel war wie „ich wollte für meine eigenen Kinder ein Getränk ohne Zuckerzusatz, das trotzdem schmeckt“. Das ist kein Marketing-Satz. Das ist der Grund, warum ihre Kund:innen loyal bleiben, auch wenn die günstigere Alternative direkt daneben im Regal steht. Ein starkes Why gibt der Marke eine Haltung. Und Haltung schafft Verbindung, die kein Logo der Welt ersetzen kann.
Deine Vision ist kein Umsatzziel
Die Vision ist kein Umsatzziel. Sie beschreibt, welchen Einfluss dein Unternehmen langfristig haben soll, auf deine Kund:innen, auf die Regale, in denen du stehst, auf die Branche, in der du arbeitest. Und genau deshalb muss dein Design heute schon die Ambitionen von morgen zeigen. Eine Marke, die in drei Jahren im Feinkostregal stehen will, kann nicht heute mit einem Etikett auftreten, das nach Rabattaktion aussieht. Das Signal passt nicht zur Vision, und Kund:innen spüren das, auch wenn sie es nicht benennen können.
Werte sind Entscheidungen, keine Adjektive
„Zuverlässig, kreativ, hochwertig.“ Fast jede Marke nennt diese drei Werte, und genau deshalb sagen sie nichts mehr. Echte Werte sind keine Liste hübscher Adjektive, sie sind Entscheidungsgrundlagen. Sie beantworten: Wenn meine Marke eine Person wäre, welche Eigenschaften wären unverhandelbar? Und wichtiger: Wie werden diese Werte im Regal, auf dem Etikett, im Geschmack erlebbar?
Eine Marke, die für Ehrlichkeit steht, braucht eine andere Bildsprache als eine, die für Genuss und Eskapismus steht. Ich habe beides begleitet: die Rohkost-Marke mit dokumentarischen, fast ungeschönten Fotos, die jede Retusche vermeidet, weil Glätte den Wert Ehrlichkeit sofort untergraben würde. Und den Craft-Rum, der mit warmen Farben und einer fast filmischen Bildwelt arbeitet, weil er für den Moment nach Feierabend steht, nicht für Nüchternheit. Tauscht man die Bildstile, wird die Botschaft sofort unglaubwürdig. Nicht, weil das Design schlecht wäre, sondern weil es nicht mehr zu den Werten passt.
Wenn das Fundament fehlt
Ich habe Gründer:innen erlebt, die drei verschiedene Designer:innen durchprobiert hatten. Jede hat gute Arbeit geliefert, und trotzdem sah die Marke jedes Mal anders aus, weil vorher niemand gefragt hat, was diese Marke eigentlich sein soll. Das ist nicht die Schuld der Designer:innen. Das ist die Konsequenz eines fehlenden Fundaments. Ohne Markenkern diskutierst du irgendwann, ob es nun Grün oder Orange sein soll, ohne zu wissen warum. Du änderst das Etikett zum dritten Mal, nicht weil es schlecht ist, sondern weil es sich immer noch falsch anfühlt.
Das Fundament fehlt. Nicht das Design.
Bevor in meinen Projekten auch nur ein Moodboard entsteht, gehen wir gemeinsam durch genau diesen Prozess. Das braucht Zeit, und manchmal ist es unbequem, weil Antworten auftauchen, über die noch nie wirklich nachgedacht wurde. Aber genau dieser Schritt macht den Unterschied zwischen einer Marke, die hält, und einer, die in einem Jahr wieder überarbeitet werden muss.
Weißt du, was das Herz deiner Marke ist? Nicht als Satz auf deiner Website, sondern wirklich, aus dem Bauch heraus? Wenn du dir da nicht sicher bist, ist das ein guter Ausgangspunkt für einen Discovery Call, nicht um dir sofort etwas zu verkaufen, sondern um gemeinsam zu schauen, ob dein Fundament trägt.




